Hemingway, Ernest:
Hunger war eine gute Disziplin
Auf einer Site, die so viele leckere Rezepte präsentiert, sollte auch ein Gedanke an Hunger als geistige Disziplinierung enthalten.
Hemingway schreibt in seinen Erinnerungen an seine Pariserzeit* im Kapitel “Hunger war eine gute Disziplin”.
…. Man wurde sehr hungrig, wenn man in Paris nicht genug aß, weil alle Bäckereien so gute Sachen in der Auslage hatten und die Leute im Freien an tischen auf dem Bürgersteig aßen, so daß man das Essen sah und roch. [….] konnte man immer ins Luxembourg-Museum gehen, und alle Bilder waren schärfer und klarer und schöner, wenn man leerbäuchig und ausgehöhlt-hungrig war. Wenn ich hungrig war, lernte ich Cézanne erst richtig verstehen und wahrhaft sehen, wie er seine Landschaften machte. Ich fragte mich oft, ob er beim Malen auch hungrig gewesen war, aber ich dachte, vielleicht wer er es nur, weil er das Essen vergessen hatte. Es war einer jener unsinnigen, aber einleuchtenden Gedanken, die man hat, wenn man nicht geschlafen hat oder hungrig ist. Später dachte ich, Cézanne sei vielleicht auf andere Art und Weise hungrig gewesen.
(S. 60)
…. Es war eine sehr einfache Geschichte, die Schonzeit hieß, und ich hatte den wirklichen Schluß, daß sich der alte Mann erhängte, weggelassen. Ich hatte es wegen meiner neuen Theorie weggelassen, nach der man alles weglassen konnte, wenn man es bewußt tat und das Weglassen die Geschichte verstärkte und man die Leser dadurch mehr fühlen ließ, als sie verstanden ….
Es ist notwendig, sich besser in der Gewalt zu haben, wenn man sich mit dem Essen einschränken muß, damit man nicht zuviel an seinen Hunger denkt. Hunger ist eine gute Disziplin, und man lernt daraus. Und solange sie es nicht verstehen, bist du ihnen voraus. Aber gewiß doch, dachte ich. Ich bin ihnen jetzt so weit voraus, daß ich es mir nicht leisten kann, regelmäßig zu essen. Es wäre gar nicht schlecht, wenn sie ein bißchen aufholten…..
(S. 67)
*Hemingway, Ernest: Paris ˆ ein Fest fürs Leben, roror 1999
